Wirtschaft

Eine weitreichende Entscheidung für die Bankenbranche? Mastercard schafft Maestro ab. Was nun? 

Gastbeitrag von Luis Behrens

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Mal wieder im Urlaub und nicht ausreichend Bargeld dabei? Kein Problem – Brieftasche auf, Bankkarte raus – und schon kann man der Frau das wunderschöne rote Desigual-Kleid oder sich selbst die brandneuen Nike-Sneaker kaufen. Bei der Transaktion springt einem für wenige Sekunden ein rot-blauer Kreis in die Augen, dessen Funktionalitäten es in sich haben, dem wir aber im Kaufrausch wenig Beachtung schenken und uns stattdessen fragen, für was dieser rot-blaue Farbklecks denn überhaupt gut ist. Dabei ist dieses Logo beinahe überlebenswichtig, wenn wir uns im Ausland befinden. Es geht um das Maestro-Zeichen auf der Girocard – der beliebtesten Bankkarte der Deutschen. Der Großteil der knapp 100 Millionen deutschen Girokarten ist mit Maestro ausgestattet, laut Konzernangaben sind etwa 400 Millionen Maestro-Karten europaweit im Umlauf. In den vergangenen Tagen sorgte nun eine weitreichende Entscheidung des US-amerikanischen Konzerns weltweit für Schlagzeilen – der Kreditkartenanbieter Mastercard bestätigte letzte Woche offiziell, seine Maestro-Funktion auslaufen zu lassen und ab Juli 2023 keine neuen Maestro-Bankkarten in Europa ausgeben zu wollen. Bereits im Umlauf befindliche Karten behalten weiterhin ihre Gültigkeit, und zwar bis zum Ende ihrer Kartenlaufzeit. Jedoch kann es als sehr wahrscheinlich erachtet werden, dass sich Händler und Geldautomatenbetreiber schon früher an die Entwicklung anpassen und bereits vor dem angekündigten Aus keine Karten mit Maestro-Funktion mehr akzeptieren. Denn Händler müssen für die Maestro-Akzeptanz entsprechend hohe Gebühren an Mastercard zahlen. Auch wird nun erwartet, dass Mastercards Konkurrent Visa ebenfalls bald nachziehen und verkünden wird, sein Pendant V-Pay in mittelfristiger Zukunft aus dem Verkehr zu ziehen. Nun sind zwar die wichtigsten aktuellen Fakten geklärt, aber offen bleibt die Frage, was Maestro denn nun für einen konkreten Nutzen mit sich bringt.

Maestro besaß – neben V-Pay des Konkurrenten Visa – eine entscheidende Aufgabe im europaweiten Zahlungsverkehr. Da die Girocard – früher EC-Karte – ein rein deutsches Zahlungssystem abbildet, kann sie ohne weitere Funktionalitäten nicht im Ausland verwendet werden. Hier kommt der rot-blaue Farbkomplex ins Spiel. Maestro sorgt dafür, dass deutsche Bankkunden auch in anderen europäischen Ländern Bargeld abheben und bargeldlose Zahlungen in Geschäften tätigen können. Auch unsere europäischen Nachbarinstitute nutzen dieses System, um ihren Kunden europaweites Zahlen und Geldabheben möglich zu machen.

Was möchte nun aber Mastercard mit seiner Entscheidung bezwecken? Der amerikanische Konzern ist offensichtlich der Ansicht, dass sich das in den letzten Jahren massiv gesteigerte Wachstum des Online-Handels noch weiter verstärken und eine weitere Verdrängung des stationären Handels bewirken wird. Laut der Mastercard-Managerin Valerie Nowak müsse man die Maestro-Karte erneuern, „nachdem sie ursprünglich für eine physische Welt geschaffen wurde“ und somit nicht durchgängig für Zahlungen im Internet genutzt werden könne. Man müsse sich an den digitalen Lebenswandel anpassen. Der amerikanische Konzern sieht Maestro somit nicht mehr als essentiellen Bestandteil seines Produktportfolios an. Aber natürlich hat das Aus Maestros auch noch einen anderen, für den Kreditkarten-Riesen vermutlich weitaus relevanteren Grund: Mastercard möchte sich nun verstärkt auf die Etablierung und Verbreitung eigener Debitkarten fokussieren, also eigene Zahlungssysteme für Verbraucherinnen und Verbraucher schaffen. Der Konzern zielt darauf ab, diese hauseigenen Karten an europäische Partnerbanken und damit an deren Kunden zu vertreiben. In dieser Beziehung hat Mastercard seine Bemühungen zuletzt schon verstärkt und möchte sie nun nochmals intensivieren. Schon jetzt bieten beispielsweise die DKB oder Comdirekt ausschließlich reine Debit-Lösungen von Mastercard und Visa an, statt den üblichen Girokarten. Attraktive Konditionen und eine aggressive Vertriebs-Strategie ließen ihnen anscheinend keine andere Wahl. Die Frage wird nun sein, ob auch andere Banken dem Druck nachgeben werden und sich weiter in die Fänge der Kreditkarten-Großmächte begeben. Oder haben sie nun doch erkannt, dass es durchaus wichtig wäre, in großem Stil in einen eigenen, paneuropäischen Gegenentwurf zu Mastercard und Visa zu investieren – das seit Jahren dahinkriechende Projekt namens European Payments Initiative (EPI)?

Durch die nun offizielle Verbannung der Maestro-Funktionalität und der womöglich schon bald eintretenden Erklärung über die Abschaffung von Visas V-Pay könnte nun also die Abhängigkeit deutscher Kreditinstitute von den beiden Weltmarktführern weiter steigen, womit diese ihre Marktmacht massiv ausbauen könnten. Deshalb besteht nun dringender Handlungsbedarf seitens der europäischen Banken, sich mit eigenen Lösungen den Weltmarktführern entgegenzustellen.

Für uns Kunden würde die langsame Verabschiedung der Maestro-Funktion aus dem Zahlungsverkehr voraussichtlich eine entsprechende Kostenerhöhung seitens der Händler bedeuten. Warum? Nun, der stationäre Handel muss für die entsprechende Zahlungs-Infrastruktur, über die die Kartenzahlung läuft, bereits jetzt hohe Gebühren an Mastercard oder Visa zahlen. Wird die Girocard nun langsam aus dem Verkehr gezogen, so verbleibt nur noch eine Karte, die über Visa oder Mastercard funktioniert, wodurch die entsprechenden Mehrkosten laut Experten an die Verbraucher weitergegeben werden.

Es bleibt auf alle Fälle spannend. Dieses Thema wird uns aufgrund der Tragweite noch länger beschäftigen und noch weitere Kreise ziehen.

12.03.2021, Börsenboom, warum eigentlich?

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Jeder spricht über Corona. Ich nicht. Ich verstehe nur wieder einmal etwas nicht und wende mich daher hiermit mit folgender Frage an die Öffentlichkeit: Wie kann der DAX in einer so schwierigen wirtschaftlichen und politischen Situation auf ein Allzeithoch klettern? Die Antwort gibt uns Anja Kohl. Das ist die Dame, die uns täglich um 19.55 Uhr ernsthaft ins Gewissen redet. Allein die Sendezeit macht sie zu einer der wichtigsten deutschen Influencerinnen, zusammen mit ihrem Kollegen, mit dem sie sich abwechselt. Sie führte heute aus, dass die lockere Geldpolitik der EZB (bis mindestens 2023) weiterhin dazu führen wird, dass billiges Geld auch in die Aktienmärkte gepumpt wird. Ist das der Effekt, den die EZB mit Ihrer Niedrigzinspolitik wirklich erreichen wollte? Die Börsen weiter stärken, während die Banken, die kaum noch wissen, wie sie ihre Gewinne erwirtschaften sollen, weiterhin geschwächt werden? Schauen wir uns die neueste Bankenpleite an: Die Bremer Greensill-Bank. Normale Bankgeschäfte reichten schon lange nicht mehr zum Überleben. Es durften dann schon solch fragwürdige Geschäftsmodelle wie Factoring- und Reverse-Factoring sein. Nebenbei hatten rund 50 deutsche Kommunen (Neumarkt-Sankt Veit dürfte nicht darunter sein) ihr Geld bei Greensill angelegt. Abgesehen davon, dass ich bisher immer dachte, dass Kommunen in Deutschland grundsätzlich verschuldet sind, kann man ihnen nicht einmal einen großen Vorwurf machen. Die versprochenen 0,3% Zinserträge hören sich moderat an. Aber selbst der Versuch der Erwirtschaftung dieser Zinserträge hat die Bank nun an den Rand der Pleite gebracht. Unvermittelt kommt einem wieder die Begrifflichkeit Schneeballsystem in den Sinn.

Wer bis drei zählen kann, dem wird dämmern, dass das weltweite Bankensystem am seidenen Faden hängt. Selbst solche Schlachtschiffe wie die Deutsche Bank schlingern mehr recht als schlecht vor sich hin. Die typischen Reaktionen der notleidenden Banken sind immer die Gleichen. Immer gefährlicher werdende Finanzgeschäfte und Zusammenschlüsse mit anderen Banken. Dazu kommt die irre Verschuldung vieler Staaten. Die USA legen für ihre corona-geplagten Bewohner ein Hilfspaket im Wert von 1.900 Milliarden Dollar auf. Der Schuldenstand der USA liegt bei unfassbaren 29.000 Milliarden Dollar.

Wie reagieren die Börsen auf diesen unglaublichen Wahnsinn? Sie jubilieren und haben – laut Frau Kohl – ausgerechnet, dass jeder fünfte Dollar direkt in Aktien investiert werden wird. Die Blase wird immer größer – bis sie platzt. Die einzige Beruhigungspille ist wieder einmal der Staat – mit seinem System des Einlagensicherungsfonds. Staat hier, Staat da, Staat überall. Wir bewegen uns mit 7Meilen-Stiefeln in Richtung Sozialismus. Wie weit dieses Denken bereits fortgeschritten ist, zeigt sich auch an einer Aussage eines Kämmerers einer Kleinstadt, der die Kommune kürzlich als „Anker der Wirtschaft“ bezeichnete. Es sind also nicht etwa die Kleinunternehmer, die Mittelständler oder die großen Unternehmen, wie zum Beispiel das Chemie-Dreieck im Landkreis Altötting, die die Wirtschaft am Laufen halten. Nein, die Kommunen sind der Dreh- und Angelpunkt unserer Wirtschaft. Aber hatten wir am Beispiel von Greensill nicht grade gelernt, dass Kommunen ihr Geld lieber für 0,3% anlegen, anstatt zu investieren? Derweil verdienen bzw. verdienten sich wohl mindestens drei Bundestagsabgeordnete ordentlich Geld, in dem sie ihr Mandat und damit ihre Kontakte nutzten, um beim Verkauf von Masken an den deutschen Staat tatkräftig mitzuhelfen. Im Gegenzug erhielten sie entsprechende Beraterhonorare. So ein lächerlich niedriges Bundestagsgehalt von etwa 10.000 Euro im Monat (plus Aufwandspauschale) verleitet aber auch direkt dazu, mal eben ein Firmengeflecht zu etablieren, um entsprechende Geldflüsse zu verschleiern. Aber warum sollte der Deutsche Bundestag kein Spiegelbild der Gesellschaft sein? Weil man Bundestagsabgeordneten eine besondere Vorbildfunktion zuschreiben darf? Fehlanzeige, denn auch da gab es leider schon genug Skandale.

03.02.2021, Wirtschaft: Benzinpreise sind nach oben geschossen

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So oft lässt man mich aus meinem Homeoffice-Kellerverlies nicht raus. Aber als ich das letzte Mal eine Tankstelle live und in Farbe gesehen habe, lag der Preis für einen Liter Diesel bei rund einem Euro. Ich habe dann noch irgendwie mitbekommen, dass eine neue CO2-Steuer wirkt, das war es aber dann auch. Gestern jedoch, als ich – von Heilbronn heimwärts fahrend – tanken musste, wie immer ohne überhaupt einen Blick auf das Pricing zu werfen, war ich beim Bezahlen doch für einen Moment irritiert. 92 Euro kamen mir hoch vor. Beim Rausgehen warf ich dann doch einmal einen verstohlenen Blick auf die dicke, fette, elektronische Preistafel und sah da ganz oben folgende Zahl: 1,579. Dass es eine dritte Zahl nach dem Komma gibt – das habe ich noch nie verstanden. Aber schon die aufgerundeten 1.58 Euro für einen Liter Diesel – nach gefühlten 1,00 Euro vor ein paar Wochen – lassen die Frage aufkommen, wie ein Benzinpreis überhaupt entsteht. Ich kenne zwei Tankstellen, da geht das folgendermaßen: Die größere Tankstelle legt den Preis fest, und die kleinere Tankstelle ist – wie von Geisterhand gesteuert – immer einen Cent günstiger. Nicht anzunehmen, dass beide Tankstellen elektronisch vernetzt sind. Scheinbar unternimmt der Pächter von der einen Tankstelle regelmäßige Inspektions-Spaziergänge zur anderen Tankstelle. Im Sinne der Körperertüchtigung ist das sicherlich eine akzeptable Idee. Aber mit einer echten Kalkulation hat das eher weniger zu tun. Wir gehen die Sache etwas mathematischer an. Ausgehend von einem Verkaufspreis von 1,58 Euro wissen wir folgendes, was Steuern und Abgaben angeht (bzw. wir glauben zu wissen):

  • 0,4% EBV-Beitrag = 0,632 Cent (Erdölbevorratungsbeitrag)
  • Energiesteueranteil einschließlich Ökosteuer = 47,04 Cent
  • Mehrwertsteuer, 19% = 25,22 Cent
  • CO2-Steuer: 8 Cent
  • Insgesamte Steuer und Abgabenlast: 80,89 Cent

Es verbleiben somit noch 77 Cent für die Rohölförderung, dessen Raffinerierung, den Handel, den Transport und alle sonstigen Kosten für den Verkauf. Die Frage, was der Rohstoff Rohöl kostet, ist zunächst leicht zu beantworten. Ein Barrel (159 Liter) kostet im Moment etwa 55 US-Doller, macht bei einer Euro-Umrechnungsrate von 1,2 noch etwa 46 Euro. Schwierig wird es jedoch, diese 46 Euro für 159 Liter Rohöl auf einen Liter Diesel herunterzurechnen, denn man stellt aus 159 Litern Rohöl nicht einfach 159 Liter Diesel her. Aus Rohöl werden in einem komplizierten Verfahren Benzin, Diesel und andere Produkte hergestellt. Denn Rohöl besteht aus 500 Komponenten, z.B. Bitumen, Petroleum, Leichtbenzin, Ethan, Methan, Propan, Butan. Wir kommen der Antwort auf die Frage, was die tatsächlichen Kosten für 1 Liter Diesel sind, nicht wirklich näher. Und wenn wir die Kosten nicht kennen, kennen wir auch die Margen nicht und wissen auch nichts über die Spielräume bei der Preisgestaltung. Wir wissen aber, dass die Spritpreise auf Autobahnen immer höher sind, als auf Landstraßen, Preise in Städten anders als auf dem Land. Sie sind somit nicht immer technisch bedingt und folgen nicht immer einer fundierten Kalkulation. Im Sinne der Gewinnerzielung wird schon mal hier und da mehr Kasse gemacht, als da und dort.

Wir wissen jetzt auch, dass der Staat kräftig kassiert, weil er die gigantischen Sozialleistungen für uns alle irgendwie finanzieren muss. Wir reden von einem unfassbaren, technisch perfektioniertem Umverteilungssystem von Geld mit einem unglaublichen bürokratischen Aufwand. Ich habe heute an der Tankstelle Geld hingeblättert, damit nächsten Monat pünktlich das Kindergeld eintrudelt. Sehr effektive Logik. Umgangssprachlich nennt man das: Linke Tasche, rechte Tasche.

31.01.2021, Börse: Von Hedge-Fonds und Flash-Mobs

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Die Erfindung der Börse müsste man eigentlich wieder rückgängig machen. Es ist der unsoziale  Versuch, durch Nichtstun und somit leistungslos Geld zu verdienen. Eine noch größere Pervertierung scheint indes der Versuch zu sein, an der Börse mit Dingen zu handeln, die man gar nicht besitzt. Wie geht das? Wir kommen zur Frage, wie Börse eigentlich funktioniert. Bekannt und beliebt ist es, Aktien zu kaufen und zu einem höheren Wert wieder zu verkaufen. Klingt gleichermaßen logisch wie unsozial, ist aber leider aus der Finanzwelt nicht wegzudenken. Bei Leerverkäufen läuft es andersherum. Man wettet auf fallende Aktien und möchte damit Geld verdienen.

Man stelle sich folgende Situation vor. Ich habe eine Aktie im Blick, von der ich glaube, dass sie überwertet ist und im Wert fallen wird. Deswegen kaufe ich sie natürlich nicht. Ich finde jetzt aber einen Broker, der mir die Aktie für einen kurzen Zeitraum ausleiht und sie von mir zurückbekommen wird. Die Aktie hat im Moment des Ausleihens einen Wert von 1.000,00 Euro. Ich leihe sie mir aus, gehe damit „short“ und verkaufe sie für den aktuellen Börsenwert von 1000.00 Euro, obwohl sie mir nicht gehört. Jetzt habe ich 1.000.00 Euro in der Tasche und lege dieses Geld vorsichtshalber auf die Seite, denn der Gewinn ist ja noch nicht wirklich realisiert. Ich hoffe jetzt auf fallende Kurse. Sinkt der Kurs nun z.B. auf 700 Euro pro Aktie, kaufe ich die Aktie für 700 Euro zurück und gebe sie dem Verleiher zurück. Das bedeutet, dass ich bei dem Geschäft 300 Euro verdient habe. Durch Nichtstun, bzw. durch ein paar Klicks am PC. Natürlich hatte ich ein paar unruhige Nächte. Denn wäre der Kurs der Aktie im Moment des Zurückgebens höher als 1.000 Euro gewesen, wäre meine Wette nicht aufgegangen. Ich hätte für den Rückkauf mehr ausgeben müssen, als ich für den Verkauf bekommen habe. Ich hätte Verlust gemacht. Warum aber unterstützt der Besitzer der Aktie diese Leerverkäufe? Ganz einfach: Er bekommt bei diesem Geschäft Gebühren – wiederum durch Nichtstun. Sollte der Kurs tatsächlich gefallen sein, macht es dem Broker/Verleiher auch nichts aus, denn er besitzt die Aktie ja noch. Er wartet einfach, bis die Kurse wieder nach oben gegangen sind und… verleiht die gleiche Aktie ein weiteres Mal. Von den Gebühren macht er sich ein gutes und Leben und denkt gar nicht daran, die Aktie zu verkaufen.

Problem an der Geschichte ist, dass die Leerverkäufer ab und an mit Falschmeldungen nachhelfen, damit Kurse wie gewünscht fallen. Spätestens dann geht die Schere zwischen Börsenkursen und realer Wirtschaft komplett auseinander. Noch schlimmer wird es, wenn man Aktien verkauft, die man nicht besitzt, und die man sich noch nicht einmal ausgeliehen hat. Der Vorgang des Ausleihens steht kurz bevor, ist aber noch nicht erfolgt. Das nennt man ungedeckte Leerverkäufe, die aber mittlerweile untersagt sind.

Wie ein Leerverkaufs-Geschäft schiefgehen kann, zeigen die Geschehnisse um die US-amerikanische Firma GameStop. Die Firma Citron Research, ein weltbekannter Short-Seller setzte auf fallende Kurse und untermauerte dies mit einer Verkaufsempfehlung für die GameStop-Aktie. Normalerweise tritt die gewünschte Wirkung ein. Diesmal aber nicht. Denn über das Forum Reddit und die die Anlage-App RobinHood fand sich eine ordentliche Schar von empörten Kleinanlegern zusammen, um es dem Hedgefond mal so richtig zu zeigen. Statt Aktien zu verkaufen, wurden massenhaft Aktien gekauft, was den Kurs auf das 28fache steigen ließ. Die großen Player nennen es etwas abwertend „Dummes Geld“, wenn Kleinanleger kleine Beträge investieren. Diesmal ging die Sache aber für den Hedgefonds dumm aus. Er verlor die Leerverkaufswette und machte daraufhin Millionen-Verluste. Was trieb die Kleinanleger an? Eine Mischung aus Empörung und teilweise natürlich auch Gewinnerzielungsabsichten. Natürlich ist die Aktie jetzt viel zu teuer, was die gleichen Leerverkäufer wieder auf den Plan ruft. Die Aktie wird wieder nach unten rauschen, viele Kleinanleger werden Geld verlieren. Aber diesen Finanzhaien mal so richtig den Stinkefinger zu zeigen – und wenn die Wirkung auch nur eine kurzfristige ist -, war den Aktivisten die Sache offensichtlich wert. Diesmal hat der Flash-Mob gewonnen.

Und hier noch die Erklärung zum Bild, was in die Kategorie „Unnützes Wissen“ fällt. Das Bild zeigt einen Bullen und einen Bären. Beide Tiere sind Synonyme für steigende bzw. fallende Kurse. Der Bulle greift seinen Gegner an, in dem er mit seinen Hörnern von unten nach oben eine Aufwärtsbewegung vollf führt – er repräsentiert steigende Kures. Der Bär dagegen greift seinen Gegner an, in dem er mit seiner Tatze von oben nach unten schlägt – er repräsentiert fallende Kurse.

21.01.2021, Wirtschaft: Pensionskassen – Das Schneeballsystem bricht zusammen

Das Prinzip der Pensionskassen beruht auf zwei Säulen. Eine Säule ist das Anwerben immer neuer Einzahler. Die andere Säule sind Zinserträge, um die Ausgaben zu decken. Niedrigzinsen haben jetzt zwei deutsche Pensionskassen in so starke finanzielle Schwierigkeiten gebracht, dass die Bankenaufsicht BaFin, die durch den Wirecard-Skandal ein wenig in die Kritik geraten war, beiden Kassen die Betriebserlaubnis entzogen hat. Angeblich sollen beide Unternehmen im Liquidationsmodus noch weiterlaufen, bis auch der letzte Beitragszahler gestorben ist. Das solle angeblich noch mehrere Jahrzehnte dauern. Ich sage voraus, dass in spätestens drei Jahren kein Cent mehr da sein wird. Denn ohne Betriebserlaubnis können keine neuen Kunden angeworben werden. Das Schneeballsystem bricht vollständig zusammen. Womit wir beim Kernproblem wären. Wenn ich Beiträge in eine Pensionskasse einzahle, dann werden mehrere Wetten in die Zukunft abgeschlossen. Der Beitragszahler setzt darauf, dass er bis zu seinem Ableben mehr Pensionszahlungen erhält, als er an Beiträgen eingezahlt hat. Einen anderen Anreiz kann es nicht geben, sonst könnte er sein Geld ja gleich auf dem Girokonto mit 0% Verzinsung lassen. Der Versicherer wiederum wettet darauf, dass es genau umgekehrt ist. Mehr Geld kassieren als ausgeben. Nur das sichert das eigene Salär, die Dienstwägen und die verglasten Chefetagen in den deutschen Metropolen. Da die Lebenserwartung steigt, und steigt, und steigt, und die Zahlungsdauer immer länger wird, wetten die Versicherer so ganz nebenbei noch auf etwas anderes: Ewiges Wirtschaftswachstum und dadurch Inflation und hohe Zinsen. Und sie wetten natürlich darauf, dass der Zustrom an Beitragszahlern nicht abreißt, damit das Schneeballsystem immer weiterlebt. Aber Pustekuchen. Die Versicherer verlieren zunehmend alle diese Wetten. Deshalb sind schon 20 von 80 Lebensversicherern und 36 von 135 Pensionskassen unter Aufsicht durch die BaFin. Ich frage mich nur grade, was „Aufsicht“ bedeutet. Mit strengem Blick zuschauen, wie ein Schiffchen nach dem anderen untergeht? Meine Theorie lautet, dass alle Systeme, die vom ewigen Wirtschaftswachstum abhängen, untergehen werden. Erster Schritt in die richtige Richtung wäre: Wir müssen uns alle von der Idee des leistungslosen Einkommens trennen. Aktien kaufen und von der Couch aus beobachten, wie sich auf wundersame Weise das Geld vermehrt? Unsozial gegenüber den Leistungserbringern. Vierzig Jahre arbeiten und dreißig Jahre Rente kassieren? Unsozial gegenüber den zukünftigen Generationen. Steuererklärungen zwecks Steuervermeidung „gestalten“ und andererseits jede steuerfinanzierte Sozialleistung dankend annehmen? Unsozial gegenüber unserer Gesellschaft. Immer größere SUV’s fahren, aber wegen fünf Euro Ersparnis im Monat den Stromanbieter wechseln. Unverständlich. Der Sozialstaat ist faktisch am Ende, weil er von der Gesellschaft nicht mehr mitgetragen wird. Das Verhältnis zwischen Leistungserbringern einserseits und Leistungsverwaltern bzw. Leistungsempfängern andererseits ist in derber Schieflage, weshalb wir in Wahrheit auch nicht in einem Sozialstaat leben, weil das Gerechtigkeitsprinzip nicht mehr gilt. Denn die größte Ungerechtigkeit wird den nachfolgenden Generationen aufgebürdet. Es ist ja auch so schön einfach, die Lasten denen aufzuerlegen, die sich nicht wehren können. Das jedoch ist im höchsten Maße unsozial.

09.01.2020, Im Visier: Unsere Daten

Über einen Campact-Aufruf bin ich auf eine private Wirtschafts-Auskunftei gestoßen, deren Namen ich natürlich kenne, mit der ich aber bisher vermeintlich nichts zu tun. Natürlich ist klar, dass bei vielen Verträgen, die wir als Verbraucher abschließen, eine mächtige Organisation im Hintergrund ins Spiel kommt, mit der man sich lieber nicht anlegt: Die SCHUFA. Das Erste, was mir bei einem Blick ins Netz folgerichtig auffiel, ist die fehlende Kritik. Heutzutage wird ja auf allen Plattformen alles und Jeder auf das Schärfste kritisiert. Bei der SCHUFA findet man leichte Kritik erst in den Tiefen der google-Suche, in dem Fall als 140. Treffer. Das ist dann aber auch keine Kritik von Privatpersonen, sondern von Organisationen wie netzpolitik.org oder von den LINKEN. Wir Deutschen plappern zwar auf allen Kanälen grundsätzlich über jedes Thema wild drauf los, aber bei der SCHUFA sind wir vorsichtig. Da geht es um’s Eingemachte. Sofort legen wir andere Maßstäbe und uns mit diesem mächtigen Player lieber nicht an. Ich bin auch keinen Deut besser als die anderen und verweise deshalb nur ganz neutral und ausdrücklich völlig kritiklos auf diesen interessanten Artikel.

06.12.2020: Wirtschaft: Servicewüste Deutschland? Vorsicht.

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Nach dem letzten Weihnachtsfest traf ich eine einsame Entscheidung und entsorgte unsere zwei Lichterketten für den Christbaum. Sie waren maueralt, manche Lämpchen leuchteten hell, manche leuchteten dunkler, manche glimmten nur noch. Der Kabelverhau kam noch hinzu. Und irgendwo schaute mich auf der aufgeweichten Papp-Verpackung doch tatsächlich noch das VEB-Symbol an. Unhaltbare Situation. Also hin zum Wertstoffhof, rein damit in den Elektrocontainer. Thema erledigt.

Weil es ja nun aber auch 2020 ein Weihnachten geben wird, kommt so ein Thema spätestens im November wieder hoch. Ein neues Beleuchtungskonzept muss her. Man hätte den Beschaffungsvorgang durchaus schon im Frühjahr starten und abschließen können. Aber nein. Es muss erst wieder zu der unschönen Situation kommen, dass die häusliche „Regierung“ Druck aufbaut.

Bei dem Produkt muss es natürlich das Beste vom Besten sein. Kabellos, mit Fernbedienung, Super-Light-Funktion, Flackermodus, Zeitspanne programmierbar. Bei kabelloser Beleuchtung kommt sofort das Batteriethema und damit die Frage nach der Umweltverträglichkeit hoch. 20 Leuchten, 20 Batterien, mit etwas Pech jedes Jahr auszutauschen, das ist umwelttechnisch nicht grade überzeugend. Aber meine insgesamt bescheidene Lebensweise (zum Bäcker mit dem Fahrrad fahren…) verführt immer wieder dazu, dass ich mir die Dinge schönrede und letztlich zum Fazit gelange: Die Gesamtbilanz muss stimmen, einzelne Ausreißer wie Flugreisen oder eben eine batteriebetriebene Beleuchtung am Christbaum sind demnach durchaus erlaubt.

Zu dieser eingebildeten Positiv-Bilanz gehört es eben auch, den lokalen Einzelhandel zu unterstützen. Ich also hin zum Elektroladen meines Vertrauens, wohlwissend, dass die lokale Beschaffung einer Christbaumbeleuchtung durchaus teurer ausfallen kann, als der Kauf im Internet. Da stehe ich aber drüber, weil ich mir denke: Stell dir ein Leben ohne lokalen Elektroladen vor und die Herausforderung, wegen einer kaputten Steckdose jedes Mal bis Mühldorf zum Baumarkt fahren zu müssen.

Leider hat es trotz mehrerer Anläufe nicht geklappt. Das spezielle Produkt war nicht zu beschaffen. Und die Zeit verrann. Naja dachte ich mir: Der Versuch war es wert, dann eben doch der bequeme Onlinebeschaffungsweg bei Amazon. Die hatten das Produkt aber auch nicht in dieser Kombination. Also kein Umsatz für den Amazon-Besitzer Jeff Bezos, der sich somit weiterhin mit einem Vermögen von 181 Milliarden US-Dollar zufrieden geben muss, und durch mich sein Vermögen nicht etwa auf 181.000.000.140,00 US-Dollar aufstocken kann.

Nach neunzig Minuten, weiterer intensiver Recherche fand ich dann doch eine Plattform, wo ich das Gewünschte bekam, letztlich beim Hersteller selbst. Hätte ich auch gleich drauf kommen können, meine Recherche an der Quelle, also beim Hersteller, zu beginnen. Aber wie von einer unsichtbaren Kraft dirigiert, zieht es uns immer sofort zu Amazon. Slapstick.

Was hat das Ganze jetzt mit dem Begriff „Servicewüste Deutschland“ zu tun. Nun. Es stellt sich die Frage, ob ein lokaler Elektroladen im Sinne der Kundenbindung und im Sinne des Servicegedankens nicht hätte sagen können: Mensch Behrens, mein Großhändler kann zwar dein spezielles Lampenset nicht beschaffen, aber ich finde einen anderen Bestellweg und beschaffe die Lampen auf anderem Wege. Du kaufst ständig deine Energiesparlampen bei uns und auch deine Batterien. Du bist uns lieb und teuer, lehn dich zurück, wir melden uns wieder.

Das wäre in der Tat löblich gewesen, jedoch: Wäre ich bereit gewesen, die Recherchestunde am Ende auch zu bezahlen? 2019 betrug der übliche Stundensatz für einen Elektriker 50 bis 70 Euro. Nehmen wir mal an, dass mein Elektroladen meines Vertrauens keine 90 Minuten für die Bestellung benötigt hätte, sondern auf Grund seiner Markterfahrung nur 60 Minuten. Dann hätten 50 Euro für die Erbringung dieses Services angestanden. Als liebgewonnener Kunde wäre noch ein Rabatt drin geween,  macht 40 Euro. Wäre ich – bei einem Warenwert von 140 Euro – bereit gewesen, 40 Euro mehr zu bezahlen als im Internet? Ganz ehrlich: Tatsächlich hätte ich vielleicht 25 Euro, maximal 30 Euro an Mehrkosten akzeptiert.

Fazit: Ohne mit mir überhaupt über Kosten gesprochen zu haben, hat der Elektroladen richtig gehandelt, als er mich unverrichteter Dinge wieder heimschickte. Wir selbst als Verbraucher, gewissermaßen weltweit führend im Bereich „Sparfüchse und andere deutsche Absonderlichkeiten“ sorgen selbst für diese ungute Entwicklung, dem Einzelhandel immer stärker das Wasser abzugraben. Wir Verbraucher sind die Ursache, dass Deutschland mit dem Begriff „Servicewüste“ in Verbindung gebracht wird.

16.11.2020, Wireard/Bafin-Skandal

Jetzt nimmt die Sache wirklich irritierende Strukturen an. Denn jetzt ist plötztlich sonnenklar, warum die Bafin nur mit Samthandschuhen gegen Wirecard vorgegangen ist. Bafin-Mitarbeiter sollen lustig selber mit Wirecard-Aktien gezockt haben. Geht gar nicht. Aber da die Bafin ja nun mal eine richtige Aufsichtsbehörde ist, werden die Vorgänge nicht etwa von einem Staatsanwalt geprüft, sondern die Bafin prüft sich selbst. Dann wird man vermutlich draufkommen, dass nicht die Bafin-Mitarbeiter die Geschäfte abgewickelt haben, sondern ihre Onkels, Tanten und Omas. Ja dann ist ja alles bestens, und der Vorwurf von Insider-Geschäften lässt sich kaum noch erhärten. Denn vor lauter Geldverdienen sieht man die eigene Oma ja nur einmal im Jahr und hatte folglich überhaupt keine Zeit, der Oma zu erklären, wie man erfolgreich mit Aktien handelt. Also ist das alles reiner Zufall, dass die 88jährige Oma plötzlich ihren Fabel für leistungsloses Geldverdienen entdeckt hat. Von wegen Insiderhandel. Man wird die Sache folglich abhaken, zur Tagesordnung übergehen und weiter ungehemmt Geld verdienen.

18.09.2020, UBS und Credit-Suisse möchten fusionieren – Börse freut sich

Ich muss sagen, dass die Süddeutsche Zeitung immer eine gute Quelle für Informationen ist. Jeder Artikel ist lesenswert, so auch der am 14.09. über die Fusionspläne zweier Schweizer Banken. Ich möchte auf den Punkt eingehen, dass die Aktienkurse nach dieser Fusionsankündigung zeitweise mal eben um drei Prozent in die Höhe gingen. Die Börse und ihre Investoren jubeln aber nicht über die schönen Aussichten, über die Generierung neuer Kunden, die Erschließung neuer Geschäftsfelder, mehr Umsatz, mehr Gewinne, mehr Marktanteile, neue Ideen, organisches Wachstum. Ach was, völlig falsch gedacht. Sie jubeln über die Logik, dass bei einer Fusionierung mal eben 10.000 bis 15.000 Arbeitsplätze eingespart werden können. Das heißt verringerte Kosten, mehr Gewinne und damit potenziell mehr Dividende. Ich finde diese Logik im höchsten Maße irritierend.

Ich stelle mir die Unterhaltung zweier befreundeter Schweizer am Züricher See vor. Der eine freut sich: Stell dir vor, meine Aktien sind jetzt drei Prozent mehr wert. Darauf der andere: Ja, aber ich bin deshalb jetzt arbeitslos. Wie würde so eine Unterhaltung jetzt weitergehen?

Wer gebietet dieser abartigen Börsen-Logik, leistungslos Einkommen auf Kosten anderer zu generieren, endlich Einhalt? Warum fallen mir jetzt ungewollt solche Begrifflichkeiten wie Ausbeutung und Profitgier ein? Das sind propagandistische Kraftausdrücke, die mir früher in der Schule eingehämmert wurden, die ich aber wegen meiner westlich geprägten Erziehung innerlich immer mit einem verächtlichen Schmunzeln als Worthülsen und als blödsinnige Propaganda eines noch blödsinnigeren ostdeutschen Schulsystems abtat. Ich konnte und wollte mir ein solch niederträchtiges Wirtschaftssystem in Westeuropa einfach nicht vorstellen. Plötzlich kommen mir diese Begriffe aber wieder in den Sinn. Eingetrichtert wurde uns, dass einige wenige, ewig-gestrige, stinkende und faulende Imperialisten die Arbeiterschaft unterdrücken und immer reicher werden. Das Vorstellungsvermögen von Karl Marx und sämtlicher ostdeutscher Dämagogen (z.B. Carl Eduard von Schnitzler) sowie ostdeutscher Stabü-Lehrer reichte aber nicht aus, um zu erfassen, dass die Sache in Wahrheit ja noch viel schlimmer ist. Der aktienbesitzende Nachbar beutet, genüsslich nichtstuend auf der Terrasse sitzend, den arbeitenden Nachbarn aus. Und weil die Gier nach noch mehr Geld dann immer noch nicht gestillt ist, sorgt er auch noch dafür, dass der Arbeitsplatz des Nachbarn letztlich entfällt. Das ist ja alles eigentlich gar nicht zu glauben.

02.08.2020, Immer wieder Wirecard

Es stellt sich immer mehr heraus, dass das ganze Firmengeflecht von Wirecard schon seit längerer Zeit eine einzige Betrugsmasche war. Wirecard bestand aus einem Firmengeflecht von 50 Firmen, darunter auch die Wirecard Bank. Allein das Vorhandensein dieses Firmenkonstruktes hätte für die Börsenaufsicht, die BaFin und wie sie alle heißen und natürlich für die Politik  maximale Alarmsignal sein müssen. Aber alle Aufsichtsbehörden haben versagt. 50 Firmen: Das riecht ja geradezu nach Verschieben von Gewinnen, Manipulation und der Existenz von Scheinfirmen. Schade nur, dass die britische Zeitung „Financial Times“ die Sache aufgedeckt hat und nicht etwa z.B. die BaFin selbst. Ab 2015 berichtete FT immer wieder über Verdachtssmomente. Im Oktober 2019 mutmaßte FT, dass Drittpartnergeschäfte erfunden sein könnten. Denn alle Gewinnausweisungen von Wirecard kamen über drei  Firmen aus Dubai, Manila und Singapur. Da war Deutschland noch im Tiefschlaf. Aber nicht ganz. Die Aufsichtsbehörde BaFin mit ihren 2.700 Mitarbeitern, die 10.000 Banken, Finanzdienstleister und Investmentfonds beaufsichtigt, war bereits informiert, ging aber nicht etwa gegen Wirecard vor. Vielmehr stellte sie Strafanzeige gegen zwei Journalisten der FT und mehrere Börsenhändler. Die SZ schrieb daraufhin, dass es so aussehe, als baue die BaFin eine Schutzmauer um Wirecard. Und weil ja nichts einfach ist in Deutschland, prüfen sich die Aufsichtsbehörden und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zu Tode. Erst kommt die Bilanzpolizei DPR (Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung) und erst danach BaFin. Dann kommen die Wirtschaftsprüfer. Dann kommt der Rechnungshof und prüft jetzt die BaFin. Jetzt kommt – zu allem Unglück – auch noch die EU ins Spiel und prüft mit seiner Finanzaufsicht ESMA die Vorgänge. Reicht alles nicht. Selbstverständlich muss jetzt ein Untersuchungsausschuss und ein Sonderermittler her. Und selbstverständlich wird es jetzt juristische Nachspiele geben. Jeder klagt gegen Jeden. Selbst japanische Unternehmen sind jetzt mit im Boot. Und jetzt geht doch noch das fröhliche Geldverdienen los. Auf der hohen Kante haben die Management-Versager so einiges. Das reicht locker für Spitzenanwälte, die bereits in den Startlöchern stehen und sich ins Fäustchen lachen. Denn die Manager haben so einiges zu verlieren. Die Vorstellung, nach zehn Jahren Spitzen-Management doch noch nicht für ihr ganzes Leben ausgesorgt zu haben, treibt sie schier in den Wahnsinn.

Aber der BaFin-Chef Hufeld bekommt Rückendeckung von Finanzminister Scholz. Warum geht Scholz diesen Schritt, wo doch all diese Vorgänge noch völlig ungeklärt sind? Hufeld ist als Mann klarer Worte bekannt. Nur gegen sich selbst findet er jetzt keine klaren Worte. Sein Rettungsanker ist, dass die BaFin formal nur für die Wirecard Bank AG zuständig sei, während der Gesamtkonzern im Einvernehmen mit diversen Aufsichtsbehörden als Technologieunternehmen eingestuft worden sei. Na dann ist ja für seinen Ruf und seinen Posten alles bestens. Denn BILD hat den Gehaltsrahmen des aus sechs Mitgliedern bestehenden Direktorats mit 1.345 Mio angegeben, macht also mindestens 224.000 Euro Jahresgehalt für Hufeld. Da lohnt es sich in der Tat, alle Schuld von sich zu weisen.

04.07.2020, Sigmar Gabriel und seine Logik Geld zu verdienen

Noch Anfang 2015 nannte Gabriel (damals Bundeswirtschaftsminister) das System der Ausbeutung in der Fleischindustrie eine „Schande für Deutschland“. Da ist es nur verständlich, dass er – natürlich aus völlig uneigennützigen Gründen und nach Ablauf der Karenzzeit, die für Wechsel von Politikern in die Wirtschaft gelten – ab März 2020 die Fleischfabrik Tönnies beriet. Uneigennützig heißt: 10.000 Euro plus ein vierstelliges Honorar für jeden Reisetag. So lässt es sich leben. Offensichtlich kann Gabriel nicht viel bewirkt haben, denn Tönnies steckt in größeren Schwierigkeiten als je zu vor. Inhalt seiner Beratungstätigkeit war wohl unter anderem: Verhandlungen mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Also nennen wir die Dinge doch gleich beim Namen: Lobbyismus. Deshalb ist im Internet auch nicht herauszubekommen, was genau Gabriel vom 01.03.2020 bis 31.05.2020 für dieses Geld geleistet hat. Jetzt scheint die Tätigkeit beendet zu sein. Begründung: Schwierige OP. Sind das die Nachwehen seiner Magenverkleinerung Ende 2016? Geld ist eben nicht alles im Leben. Im Gegenteil: Die Gesundheit steht an oberster Stelle. Das Geldverdienen hat Gabriel offensichtlich ganz gut im Griff, seine Gesundheit nicht so ganz. Übrigens: Wenn mich BILD mal fragen sollte, was ich vom 1. März bis 31. Mai für mein Geld für die Firma, in der ich arbeite, geleistet habe, würde die Antwort in etwa so ausfallen:

  • 7000 Mails bearbeitet
  • 1800 Telefongespräche geführt
  • 800 Vorgänge erledigt

Noch Fragen?

28.06.2020, Wirecard, Infront – ein Skandal jagt den nächsten

Der Sumpf in unserer Bananenrepublik wird immer tiefer. Bei Wire-Card zeigte sich bereits das ganze Ausmaß. Jetzt geht es lustig weiter. Nun gerät der DFB unter Druck. Die Firma Infront (die Günter Netzer mal gehörte) gerät ins Visier. Für ein paar gute Abschlüsse wurden schon mal ein paar teure Uhren locker gemacht oder ein 12.000 Euro-Fahrrad vergeben. Oder es gibt eine Einladung zum Urlaub. Auch nicht schlecht: Ein Sohn eines DFB-Mitarbeiters bekommt justament im Moment eines Vertragsabschlusses einen Job bei Infront. Dafür darf man in einem Ausschreibungsverfahren auch einmal etwas teurer sein. „Etwas“ sind dann kaum wahrnehmbare siebenstellige Beträge. 2013 soll Infront – laut DER SPIEGEL einen Vertrag als Bandenwerbungsbeschaffer für Spiele der Nationalmannschaft bekommen haben, obwohl ein Mitbewerber um bis zu 18 Millionen günstiger war. Und weil man ja noch nicht genug Geld verdient, verkauft man 30s-Bandenwerbung und spielt nur 29s ab. Das gibt Raum für noch mehr Kohle. Man bekommt ja den Rachen nicht voll genug. Wenn man den DFB befragen möchte, verweist man auf das laufende Verfahren. Zum Glück gibt es diesen Ausweg, sonst müsste man ja tatsächlich einmal Rede und Antwort stehen.

19.06.2020, Karstadt – der Niedergang

Karstadt ist ein warnendes Beispiel dafür, wie ein einst hoch angesehenes Imperium den Bach runtergehen kann. Wäre ich Karstadt, würde ich mir vorkommen wie eine Blutorange, die bis zum letzten „Bluts“-Tropfen immer weiter ausgequetscht wird, bis nichts mehr übrig ist.  Der Niedergang dieser Riesen läuft immer nach dem gleichen Muster ab. Wenn das organische Wachstum nicht mehr funktioniert, geht man einfach auf Einkaufstour und vergrößert sich. 1994 übernahm Karstadt die Hertie-Gruppe. Hat nicht geholfen. Also schluckt man 1999/2000 auch das Versandhaus Quelle. Passt super. Denn 116.000 Mitarbeiter zu befehligen – was kann für die Top-Manager, wie z.B. Walter Deuss, schöner sein. Die jährlichen Umsatzziele von 16,5 Milliarden – ein Kinderspiel. Man ist groß und stark. Quasi „too big to fail“.

Und weil Fusionierungen so richtig Spaß machen, und man im übrigen ja auch sonst keine Ideen hat, vernichtet man, oh, ich korrigiere, schluckt man nebenbei gleich solche Winzlinge wie Neckermann-Versand, Hertie,  die WOM-Musikgeschäfte, die Textilkette Wehmeyer und Runners-Point Wehmeyer. Wozu auch diese Marktvielfalt? Braucht niemand. Kostet nur unnötig Geld. Sieht das Kartellamt – Deutschlands stumpfstes Schwert – genauso, hat keinerlei Bedenken und kann dann, ohne jedes Unrechtsbewusstsein, zuschauen, wie es mit dem ganzen Laden bergab geht.

2003 verzeichnet man einen Umsatzeinbruch von 9%. Da muss man natürlich den Top-Manager Walter Deuss ablösen. Aber kein Problem. Es gibt ja noch tollere Top-Manager. Thomas Middelhoff zum Beispiel, den Vorstandsvorsitzenden von Arcandor. Der hat gleich mal die bahnbrechende Idee, das Unternehmen wieder zu verkleinern und verkauft 75 kleine Warenhäuser für 500 Millionen Euro. Klappt ja wunderbar. Wenig später: Oh, wie dumm, Überraschung, das Geld reicht hinten und vorne nicht.  Jetzt könnte man auf die Idee kommen, gleich sein Tafelsilber zu verschleudern, seine eigenen Kaufhaus-Immobilien zu verkaufen und sie im gleichen Moment zurückzumieten. Was wäre denn das für ein Liquiditätsschub. Gesagt, getan. In den Büchern waren die Immobilien reichlich eine Milliarden Euro wert. Aber ein Top-Manager wäre halt kein Top-Manager, wenn er nicht bedeutend mehr Kohle rausholt. Mehr als 4 Milliarden Euro brachten die Immobilienverkäufe ein. Klingt gigantisch, war aber der Anfang vom Ende. Die Mietverträge sind Langläufer. Da muss ich kein Manager sein, um zu erkennen, dass die Banken, die derartige Summen investieren, ihr Geld auch wiedersehen wollen.

Im Jahre 2009 ist es dann so weit: Pleite. Und zwar nicht irgendeine Pleite, sondern die bis dahin größte Wirtschaftspleite Deutschlands. Natürlich auch das Ende von Middelhoff. 2014 wird „Big T“ wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Interview mit ihm im österreichischen Standard am 5.1.2020 vermittelt, was die deutschen Top-Manager für Typen sind.

Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen. Man sieht sich auf dem gleichen Level wie Angelika Merkel, man will nicht irgendein Boot besitzen, sondern die schönste Yacht weit und breit. Es darf nicht irgendein Haus sein, es muss das Schönste sein. Geld verliert an Bedeutung. Es dient nur noch dazu, nach außen hin seinen Reichtum zu dokumentieren. Die eigene Firma wird zum Selbstbedienungsladen. Flüge werden auf keinen Fall selbst bezahlt. Es ist ja bei Flugbuchungen so einfach, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden. Irgendein geschäftlicher Anlass findet sich bei jeder Destination. Reicht aber trotzdem hinten und vorn nicht. Es gibt immer noch Reichere, die es zu beneiden gilt. Also werden die Boni für sich selbst ordentlich in die Höhe geschraubt. Entscheidungsgremien? Braucht man nicht. Deutsche Top-Manager wissen, was gut und was schlecht ist. Jede Bodenhaftung geht verloren. Selbst im Knast denken sie noch, alles sei ein großer Irrtum, der durch die Anwälte bestimmt und sofort korrigiert wird. Undankbarkeit, wo man hinschaut.

Gott sei Dank sprechen wir hier nur über einen absoluten Ausnahmefall. Denn der Skandal um Wirecard ist mit Karstadt natürlich üüüüüberhaupt nicht vergleichbar.